TASTE THE WASTE
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Wie unser Essen im Müll landet!

Zur Wertschätzung von Nahrungsmitteln oder: Wie unser Essen im Müll landet.

Wir befinden uns in einer paradoxen Situation: Fragen Sie irgendjemanden, ob er es gutheißt, Essen in den Müll zu werfen. Die Antwort wird lauten: „Nein!”

Author of this article is britta
Published on 2010-02-18

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Asia Consum Dumpster diving Environment Europe Farming Food Freeganism Greenhouse gas Industry Political action Supermarket Transport Waste

This article is written in German.
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„Warum denn nicht?“, könnten Sie nachhaken.

Der Konsens ist eindeutig: Essen wegwerfen—das tut man nicht!

Das ist die eine Seite. Die andere entdecken Sie, wenn sie einen Blick in die Mülltonne riskieren: In die hinter ihrem Supermarkt, in den Container am Rande des Wochenmarktes und, wenn sie mutig genug sind, dann auch in die Mülltonne vor ihrer eigenen Haustür.

Was Sie finden werden ist Essen. Wir sprechen hier nicht von Hühnchenknochen und Kartoffelschalen, sondern von einwandfreien Lebensmitteln, teilweise original verpackt und oft genug mit nicht abgelaufenem Haltbarkeitsdatum.

Vielleicht hatten Sie eine vage Vorstellung, dass in unserer Überflussgesellschaft zu viel weggeworfen wird, aber ich bin mir sicher, dass Sie vom Ausmaß keine Ahnung hatten. Angesichts von Bergen aus Schokoriegeln, Netzen voll Biokartoffeln, französischem Käse, Honig und Cornflakes hat es bisher noch jedem die Sprache verschlagen.

In Deutschland und in den hoch entwickelten Ländern der westlichen Welt werden Millionen Tonnen guter Lebensmittel weggeworfen—jeden einzelnen Tag.

Genaue Daten und Informationen zu Lebensmitteln im Müll sind spärlich. Für Deutschland gibt es keine gesicherten Zahlen. Das Statistische Bundesamt hält eine Fülle von Auflistungen über die Biotonne, den Restmüll, kompostierbare Abfälle, Gastronomieabfälle usw. bereit, aber was sich von diesem Müll als konsumierbare Lebensmittel beschreiben ließe, bleibt im Dunkeln.

In vielen anderen Ländern ist man weiter. Vor allem in der letzten Dekade sind in Europa und den Vereinigten Staaten Anstrengungen unternommen worden dem vagen Gefühl von „Ja, vermutlich landet bei uns zu viel Essen im Müll“ Fakten beizustellen. Die Motivation dieser Untersuchungen ist vermutlich weniger in einem ethischen Unwohlsein zu suchen, als vielmehr im Ökonomischen. So reich ein Land auch sein mag, keines kann sich dauerhaft leisten bis zu 50% der gesamten Lebensmittelproduktion in den Müll zu werfen. Sie haben übrigens richtig gelesen: 50%. Kein Druckfehler.

Diese Zahl ist zum Beispiel für die Vereinigten Staaten anzunehmen: Das Landwirtschaftsministerium der USA kam nach einer 1995 veröffentlichten Studie zu einer Zahl von rund 27% weggeworfener Lebensmittel in Einzelhandel, Gastronomie und beim Endverbraucher. Abfälle, die bei der Produktion und auf den langen Transportwegen zum Einzelhandel entstehen, waren nicht eingerechnet. [1]

Gerade die industrialisierte Landwirtschaft hat jedoch mit Verlusten in einer vergleichbaren Größenordnung zu kämpfen. Ein dokumentiertes Beispiel aus Europa stammt aus dem spanischen Obstanbaugebiet Huelva wo jährlich rund 30% der Erdbeerernte vernichtet werden müssen, weil schlicht die Abnehmer fehlen.  [2]

Für Deutschland und die Schweiz gibt es Schätzungen, dass bis zu 25% der gesamten Lebensmittelproduktion der Länder entsorgt, statt gegessen werden. [3]

In einer österreichischen Studie wurden über zehn Wochen hinweg die aussortierten Lebensmittel zweier durchschnittlich großer Supermärkte ausgewertet. Die Bilanz: 4.600kg an genießbaren Lebensmitteln, was einem Jahresaufkommen von 13,5 Tonnen pro Filiale entspricht. [4]

Einen Teil solcher Lebensmittel schöpfen Wohltätigkeitsverbände wie die „Foodbanks“ oder die „Tafeln“ ab. Deren personelle und infrastrukturelle Kapazitäten können jedoch nicht mehr als die Spitze des Eisberges abtragen. Der Kölner Tafel beispielsweise stehen zwei Kleintransporter und 15 ehrenamtliche Mitarbeiter zur Verfügung. Damit kann man gewiss ein Müll-Jahresaufkommen zweier Supermärkte wie aus der österreichischen Studie abschöpfen, aber was ist mit den mehreren hundert weiteren Läden des Stadtgebiets? Und den Bäckern, den Schlachtern, dem Großmarkt…?

Die Supermärkte geben Lebensmittel nicht an bedürftige Einzelpersonen ab. Einerseits auf Grund strenger Auflagen des Gesundheitsamtes, andererseits aus merkantilen Überlegungen: Wer etwas geschenkt bekommt, der muss nicht einkaufen.

Viele Menschen holen sich ihr Essen dann „illegal“ aus den Containern hinter dem Supermarkt. Einige unter ihnen, so genannte Mülltaucher oder Containerer, tun dies aus einer Protesthaltung gegenüber der unmäßigen Verschwendung. Die meisten aber kommen aus Not, viele von ihnen sind alte Menschen.

Kommen wir zurück zu unserer persönlichen Wertschätzung von Nahrungsmitteln:

Eine Studie aus Schweden von 2004 kann uns ein Stück weit bei der Beantwortung der Frage helfen, wer für die Maßlosigkeit verantwortlich ist: Bei der Untersuchung in Schulküchen und Restaurants zeigte sich, dass ganze 10% der weggeworfenen Lebensmittel, die auf den Tellern verbleibenden Reste ausmachten. [5]

Eine britische Untersuchung aus dem Jahr 2008 spricht eine ähnliche Sprache: Die Organisation WRAP errechnete, dass in den Haushalten Großbritanniens rund 19% der eingekauften Lebensmittel weggeworfen werden – einfach weil man es nicht rechtzeitig geschafft hatte sie zu verzehren. [6]

Was läuft also falsch?

Es scheint zu einer unheilvollen Mischung zweier Folgen der industrialisierten und globalisierten Lebensmittelproduktion gekommen zu sein. Erstens hat sich unser Konsumverhalten radikal von seiner früheren Ausprägung wegbewegt und zweitens sind viele Nahrungsmittel, die uns heute erreichen, einfach zu billig.

Zunächst muss jedoch festgehalten werden: Wir sprechen hier von einem jungen Phänomen. Immer schon sind Teile unserer Nahrung verdorben, aber die Tatsache, dass wir so viel wegschmeißen, wie wir essen ist neu.

Früher waren Lebensmittelabfälle Tierfutter. Das sind sie in ländlichen Regionen bis heute. Aber die meisten Menschen leben inzwischen in Städten und die wenigsten von ihnen halten sich dort ein Schwein.

Bis 2001 wurden in Schweinemastbetrieben Lebensmittelabfälle aus der Gastronomie verfüttert. Aus Angst vor Seuchen hat die EU dies ab 2001 verboten.

Früher aß man auch keine Papayas aus Brasilien, Kohl aus China, nicht einmal Erdbeeren aus Spanien. Vor allem aß man auch nicht jeden Tag Fleisch und andere Tierprodukte. Dies ist eine Entwicklung der letzten 50 Jahre. Sie ist alles andere als ein Naturgesetz. Und sie bedingt jede Menge Müll:

Während früher saisonale und regionale Produkte gegessen wurden, erreichen uns heute Lebensmittel aus der ganzen Welt. Im Schnitt ist ein Produkt durch 33 Hände gegangen, bevor wir es aus dem Supermarktregal nehmen. [7]

Die Lebensmittel haben fast immer einen langen Weg im Container hinter sich. So ein Container war vielleicht an Bord eines Schiffes, auf einem Zug oder LKW. Selbst wenn es sich um Nahrungsmittel aus Deutschland handelt, sind sie meist quer durch die Republik gereist und an verschiedenen Stellen umgeladen, neu verpackt oder etikettiert worden.

An jeder neuen Umschlagstelle gehen Lebensmittel verloren. Selten geschieht das, weil sie wirklich schlecht geworden wären, viel häufiger ist irgendetwas mit ihnen nach gängigen Marktkriterien nicht „in Ordnung“: Die Tomaten aus dem Container sind vielleicht doch nicht rund genug, oder die Kühlung ist auf dem Weg aus Almeria für eine Stunde ausgefallen—Gemüse muss immer gekühlt sein—dann geht die ganze Ladung noch am Großmarkt auf die Halde.

Vielleicht sind auch falsche Etiketten aufgeklebt worden, Verpackungen schadhaft etc. Da wird nicht gezögert: Der Einzelhandel nimmt nur Großgebinde ab. Das heißt: Ist auch nur ein einzelnes Glas Honig beschädigt, dann wandern auch die weiteren fünf des Sechserpacks in die Mülltonne.

Manchmal setzt die Entscheidung darüber, ob die Nahrung uns erreicht oder nicht noch früher ein. Ganze Ernten verrotten auf den Feldern, weil der Salat vielleicht unschöne aber gänzlich unbedenkliche Flecken hat, oder weil der internationale Markt eine Überproduktion verzeichnet. Der Bauer weiß, dass er mit seinen Früchten kein Geld mehr verdienen kann, warum sollte er dann noch in Erntehelfer investieren?

Der Weg in unsere Supermärkte ist für Joghurt, Schinken und Apfel also gleichermaßen lang und voller Gefahr. Dort angekommen wird es nicht besser, denn die Lebensmittel müssen sich mit einem zermürbenden Gegner auseinandersetzen: MHD—Mindesthaltbarkeitsdatum. In Deutschland wird Ware im Supermarkt zumeist zwei Tage vor dem Mindesthaltbarkeitsdatum aussortiert. Wer kauft schon einen Joghurt, der morgen schon abgelaufen ist? Die Ware ist, bis auf wenige Ausnahmen, meist mehrere Wochen länger haltbar. Aber offensichtlich traut der Konsument seinen eigenen Sinnen—Sehen, Riechen, Schmecken—oftmals weniger als dem Aufdruck des Herstellers.

Und damit sind wir beim Endverbraucher, dem Esser, oder eben Nichtesser, denn in den Einzelhaushalten wird erneut weggeworfen. Hier sind es nicht nur die Reste, die auf dem Teller zurückbleiben, sondern vielmehr original verpackte Waren, die im Kühlschrank abgelaufen sind.

Hier wird dann die zweite negative Erscheinung unserer Weltagrarproduktion sichtbar: Viele unser Lebensmittel sind zu billig. Und was beinahe Nichts kostet, ist auch beinahe nichts wert. Lebensmittel werden heute kaum noch nach ihrem existenziellen Grundwert beurteilt. Sie sind zusammen mit Sauerstoff, das was uns am Leben hält – ohne sie geht es nicht. Dieser wirkliche Wert ist aber unsichtbar geworden. Was wir sehen ist der Warenwert. Er ist es, der in den Prospekten der Discounter beworben wird.

Gewiss haben Sie sich bei einem Hähnchen für zwei Euro auch schon einmal gefragt, wie das gehen soll. Die Antwort ist: eigentlich geht es nicht! Ein Biohühnchen kostet rund 15 Euro. Wer zahlt denn drauf bei dem Billighühnchen?

Vor allem die Hühnchen selbst, soviel ist klar, wenn man sich die Bilder der Massentierhaltung vor Augen führt. Weiterhin diejenigen, die sie schlachten, ausnehmen, verpacken usw., deren Lohn ist ja in den zwei Euro enthalten. Aber auch diejenigen, die aus dem Land kommen, wo das billige Soja für die Tiermast angebaut wird. Die Soja-Anbaufläche kann nicht mehr für die Ernährung der Bewohner dieses Landes benutzt werden. Das sind eine Menge Kompromisse für ein billiges Hühnchen. Wenn dieses Hühnchen dann in der Mülltonne landet wird es zynisch, angesichts von weltweit begrenzten Ressourcen, steigender CO2-Emission und einer Milliarde Menschen, die Hunger leiden. Tristram Stuart Ökoaktivist und Buchautor aus England bringt es auf den Punkt:

„Solange wir in den Industrienationen mehr Essen kaufen als wir verbrauchen können, okkupieren wir Land und Ressourcen, aus denen die Armen dieser Welt ernährt werden könnten. Wir haben beinah eine Milliarde unterernährte Menschen in der Welt – sie könnten alle mühelos mit einem Bruchteil von dem ernährt werden, was die reichen Länder wegwerfen.“ [8]

Unser Konsumverhalten wirft also bohrende ethische Fragen auf.

Die Zusammenhänge der globalisierten Lebensmittelproduktion und des Marktes sind komplex, aber wenn es zu der Frage kommt, wie ich als Einzelner reagieren kann, wenn die negativen Folgen in Form von Lebensmittelmüll mich stören, wird es erstaunlich einfach:

Werfen Sie nichts weg, was noch essbar ist. Überlegen Sie genau wie viel sie einkaufen.

Der Konsument ist ein mächtiger Mensch: Kaufen Sie regional, saisonal und biologisch. Unterstützen Sie Ihre regionale Lebensmittelproduktion, denn die kurzen Transportwege allein verhindern schon einen Großteil der Verschwendung. Fragen Sie sich, ob Sie mit einem kleineren Supermarktangebot auch zufrieden wären; vielleicht sogar mit einem, das sich zum Wochenende hin ausdünnt, damit am Samstag nicht alles in die Tonne wandert. Sollte das der Fall sein, dann sagen Sie das an der Kasse.Für den Fall, dass Sie jemand iritiert ansieht: Nehmen Sie denjenigen sacht am Arm und wandern mit ihm um den Supermarkt herum, nach hinten zu den Mülltonnen. Ich verspreche Ihnen, ein Blick genügt und er wird verstehen.

Anmerkungen

  1. Kantor L. S., Lipton K., Manchester A., Oliviera V.: Estimating and Addressing America’s Food Losses. Food Review, Vol. 20, Issue 1, Jan.-Ap. 1997, S.2-12.
  2. Nach Schneider F.: Lebensmittel im Abfall—mehr als eine technische Herausforderung. Online-Fachzeitschrift des Bundesministeriums für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft. Jhg. 2008. S.2.
  3. ebd.
  4. ebd. S.5
  5. Engström R., Carlsson-Kanyama A.: Food losses in food service institutions—Examples from Sweden. Food Policy 29, 2004. S.203-213.
  6. WRAP: The food we waste. Waste and Resources Action Programme, Banbury, 2008.
  7. Elmadfa I., Freisling H.: Österreichischer Ernährungsbericht 2003. 1. Aufl., Wien 2003.
  8. Stuart T.: Waste—Uncovering the Gobal Food Scandal. London 2009. S. XVI. (Übers. der Autorin)

 


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