TASTE THE WASTE
DEEN

Taste the Waste und Kabarett

Der schweizer Kabarettist Luca Maurizio ist Vorstandsmitglied des Claro-Weltladen in Thusis, Lehrer und Kabarettist. Zu Taste The Waste hat er einen amüsanten und treffenden Text geschrieben, der als Laudatio für den Film gehalten wurde.

Author of this article is TTW_admin
Published on 2015-11-26

Tags for this article:
Food Industry Waste

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Meine Damen und Herren

Als Kind hatten wir im Sommer ein Schlachtschwein, das hieß im November war seine Zeit abgelaufen. Wir futterten es im Sommer mit Gras und Nahrungsmittelabfällen, die wir von einem Hotelier in Maloja bekamen. Heute müssen solche Abfälle wegen der Hygienevorschriften entsorgt werden, aber damals durfte man den Schweinen diese in rostigen Fässern stinkende Suppe verfüttern. Und sie zeigten eine mit Grunzen ausgedrückte Freude, unwissend, dass sie zu Kannibalen gemacht wurden. Als ich ein Mal mit meinem besten Freund im Stall spielte und wir an den vollen Fässern vorbeiliefen, hielt er an und fischte zwischen den schwimmenden Kartoffeln und Brotscheiben ein Wienerli heraus. Er nahm einen Biss, der Saft tropfte auf seinen Aermel als er das Wienerli mir reichte und sagte: „Schmeckt gut, willst du auch probieren?“. Ich war nie wirklich heikel, aber das ekelte mich. Ich wollte meinen Freund aber auch nicht beleidigen und murmelte: „Ich hab keinen Hunger…“ oder so was. Er lebt noch, gesund und mit einem starken Immunsystem.

Jetzt habe ich keine Schweine mehr, dafür einen grossen Garten. Die Zucchetti werden zum Teil zu gross, weil man sie zu spät pflückt, die Erdbeeren sind von den Schnecken angefressen, die Karotten haben zum Teil Würmer. Man kann alles noch essen, aber für den Verkauf wären sie alle Abfallprodukte. So verfaulen in der schweizerischen Landwirtschaft Tonnen von Nahrungsmitteln, nur weil die Kartoffel unförmig oder die Gurken zu krumm sind. Das macht ca. 20% aller Lebensmittelabfälle in der Schweiz aus.  Weitere ca. 30% gehen in der Verarbeitung und im Handel verloren. Aber entgegen allgemeiner Erwartung entstehen die meisten Verluste beim Endkonsum: 45 Prozent bei den Konsumenten und 5 Prozent in der Gastronomie. Total, ein Drittel aller in der Schweiz produzierten Lebensmittel gehen zwischen Feld und Teller verloren. Interessant ist, wenn man mit Leuten über dieses Thema redet, dass alle angeben, grossen Respekt vor den Nahrungsmitteln zu haben und möglichst keine Abfälle zu produzieren. „Ja, vielleicht eine Zwiebel verfault manchmal schon in Kühlschrank und zwischendurch ist das Brot zu trocken und man fängt das neue an, aber sonst, werfe ich nichts weg“.... ich habe noch nie gehört, „ja ich verschwende Lebensmittel“. Die Tatsache ist aber, dass wir acht Millionen Schweizer im Haushalt pro Kopf durchschnittlich pro Tag 300g Lebensmittel wegwerfen. Das ergibt 3’200’000 Kilo oder 3’200 Tonnen pro Tag, ca. eine Million Tonnen pro Jahr. Ein Massenphänomen. Man kann sich jetzt fragen: -  kenne ich nur seltsame Leute, die nicht zum Schweizer Durchschnitt gehören? - Oder merken die meisten Leute nicht, dass sie Lebensmittel wegwerfen? - Oder, merken sie es, aber niemand gibt es zu, weil sie sich irgendwie schämen? - Sollten also die Lebensmittel so teuer werden, so dass sie nicht mehr wie heute nur ca. 10%, sondern 50 % eines Haushaltbudgets belasten würden? Wie vor 70 Jahre noch? - Kann der Durchschnittmensch nur übers Portemonnaie Respekt vor den Lebensmitteln bekommen und ist es unmöglich, ethische oder religiöse Werte abgekoppelt vom Geld zu vermitteln? - Und wenn Lebensmittel Mittel zum Leben sind, wie können Kindern den Erwachsenen glauben, die Respekt vor dem Leben predigen und gleichzeitig Nahrungsmittel verschwenden? - Falls wir keine Abfälle produzieren, werden viele Arbeitsplätze in der Landwirtschaft verloren gehen. Sind also Abfälle Arbeitsgeber?

Der Claro-Weltladen in Thusis verkauft auch Nahrungsmittel und das Ladenpersonal, nebst einer ausgezeichneten Gestaltung und Führung des Ladens ist auch sehr bemüht, möglichst keine Lebensmittelabfälle zu generieren: die vom Abfalldatum bedrohte Lebensmittel werden in voraus abgeschrieben angeboten und man versucht das Warenlager möglichst klein zu halten. Die Faire Trade Philosophie sollte nicht bei der fairen Entlöhnung der Produzenten aufhören, sondern sollte bis auf dem Tisch und in den Abfalleimer weiterverfolgt werden. Also nicht nur Fair Trade sondern auch fair Waste. Mit bewussten Einkaufen (nicht wegen Sonderangeboten in Kaufrausch verfallen), mit kritischem Blick auf das Abfalldatum (abgelaufene Lebensmittel sind noch lange geniessbar) oder mit phantasievoller Restenverwertung kann man den eigenen Abfallhaufen mindern. Auch ohne dass sie aus dem Schweinefass Wienerli herauszufischen müssen.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit, ich wünsche Ihnen noch viel Vergnügen beim Film und guten fairen Appetit!

Luca Maurizio

 


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